Pflegende Angehörige: Die Diskussion braucht mehr Differenzierung
Die Angehörigenpflege sorgt erneut für politische Diskussionen. Nationalrat Patrick Hässig kritisiert in einem aktuellen Interview mit Medinside unter anderem steigende Kosten, mangelnde Transparenz und die Höhe der Entschädigung einzelner Anbieter. Gleichzeitig betont er, dass er grundsätzlich kein Problem damit habe, wenn Care-Arbeit entlöhnt wird.
Wir finden: Die Diskussion ist wichtig. Aber sie muss differenziert geführt werden.
Qualität und Transparenz? Unbedingt.
Wo Leistungen über die obligatorische Krankenpflegeversicherung abgerechnet werden, braucht es klare Regeln.
Pflegeleistungen müssen notwendig sein, fachlich abgeklärt, korrekt dokumentiert und tatsächlich erbracht werden. Auch transparente Qualitätsanforderungen und wirksame Kontrollen gehören für uns selbstverständlich dazu.
Missbrauch oder ungerechtfertigte Abrechnungen schaden nicht nur dem Gesundheitssystem. Sie schaden insbesondere den vielen Familien, die Angehörigenpflege verantwortungsvoll leisten.
In diesem Punkt darf und soll die Branche kritisch hinterfragt werden.
Angehörige gegen Pflegefachpersonen?
Problematisch wird die Diskussion aus unserer Sicht dort, wo pflegende Angehörige und ausgebildete Pflegefachpersonen gegeneinander ausgespielt werden.
Im Interview kritisiert Patrick Hässig beispielsweise, dass Angehörige teilweise einen Stundenlohn von CHF 42 erhalten können und stellt diesen dem Verdienst einer ausgebildeten FaGe gegenüber.
Doch daraus entsteht ein falsches Bild.
Pflegende Angehörige ersetzen keine Pflegefachpersonen.
Professionelle Pflegefachpersonen übernehmen andere Aufgaben, tragen fachliche Verantwortung, führen Abklärungen durch und begleiten und kontrollieren die Pflege.
Angehörige wiederum übernehmen bestimmte Pflegeleistungen im Alltag eines Menschen, den sie häufig bereits seit langer Zeit unterstützen.
Beide haben ihren Platz.
Die Pflegearbeit verschwindet nicht
Eine Mutter benötigt Hilfe beim Duschen.
Ein Ehemann kann nicht mehr selbstständig aufstehen.
Eine Tochter reduziert ihr Arbeitspensum, weil ihr Vater zunehmend Unterstützung benötigt.
Diese Situationen existieren unabhängig davon, ob Angehörigenpflege vergütet wird.
Wenn wir diese Arbeit nicht entschädigen, verschwindet sie nicht. Sie wird lediglich wieder unsichtbar.
Und genau deshalb halten wir es für richtig, dass notwendige und nach den geltenden Voraussetzungen abrechenbare Pflegeleistungen auch dann anerkannt werden können, wenn sie durch Angehörige erbracht werden.
Was wir stattdessen diskutieren sollten
Die entscheidende Frage lautet aus unserer Sicht deshalb nicht: „Soll Angehörigenpflege bezahlt werden?“
Sondern: „Wie organisieren wir Angehörigenpflege so, dass sie qualitativ gut, wirtschaftlich, transparent und fair ist?“
Dazu gehören aus unserer Sicht:
- klare Voraussetzungen für abrechenbare Pflegeleistungen
- professionelle Bedarfsabklärungen
- nachvollziehbare Pflegedokumentation
- regelmässige fachliche Begleitung und Überprüfung
- transparente Abrechnung
- konsequentes Vorgehen gegen Missbrauch
- eine faire Entschädigung für tatsächlich erbrachte Pflegearbeit
Hässig fordert seinerseits unter anderem verbindlichere Qualitätskriterien, eine klarere Definition der abrechenbaren Grundpflege und eine separate Deklaration der von Angehörigen erbrachten Leistungen.
Über solche Massnahmen sollte sachlich diskutiert werden.
Wir brauchen beide
Die Schweiz steht vor grossen Herausforderungen in der Pflege.
Die Antwort darauf kann aus unserer Sicht nicht sein, professionelle Pflege und Angehörigenpflege gegeneinander auszuspielen.
Wir brauchen Pflegefachpersonen, die ihre Fachkompetenz einbringen und Qualität sicherstellen.
Und wir brauchen Angehörige, die bereit sind, Verantwortung für Menschen zu übernehmen, die ihnen nahestehen.
Angehörigenpflege verdient weder einen Freipass noch einen Generalverdacht.
Sie verdient klare Standards, professionelle Begleitung, Kontrolle und gesellschaftliche Anerkennung.
Dafür stehen wir bei Time2Care.
Time2Care. Spitex, die sich Zeit nimmt 💙💚
Quelle / weiterführende Lektüre: Medinside: „Pflegende Angehörige: Mehr Lohn als für Pflegefachleute?“



